Unbedacht zum Medi-SchrankBarbara, mit der ich vor fünf Jahren zusammen gearbeitet hatte, interessierte sich damals für alles, was im Betrieb so vor sich ging und machte immer wieder Vorstösse für Verbesserungen der Arbeit. Als ich sie letztes Jahr zufällig auf der Strasse antraf, musste ich zwei Mal hinschauen, bis ich sie wieder erkannte. Sie wirkte schlaff und gleichgültig und gab auf Fragen nach ihrem jetzigen Leben nur knapp Auskunft. Die Veränderung erstaunte und beunruhigte mich. Wie ich später erfuhr, nahm sie schon seit geraumer Zeit Beruhigungsmittel vom Typ der Benzodiazepine (z.B. Valium, Librium, Xanax, Rohypnol) ein. Solche Beruhigungsmittel sind hoch wirksame Medikamente gegen Nervosität, Schlaflosigkeit, chronische Anspannung und verschiedenste Angstzustände. Aber sie haben auch Schattenseiten, die gefährlicherweise oftmals unerkannt bleiben. Gerade bei längerer Einnahme (mehr als 3 bis 8 Wochen) können sie abhängig machen und zu einer ganzen Menge an unerwünschten Nebeneffekten führen. Die Gefühle werden flach, Freud und Leid sind weniger intensiv spürbar und das Leben verliert an Farbe. Neue oder belastende Situationen führen zu Gefühlen der Überforderung und werden oft vermieden. Die Stimmung ist gedrückt. Auf der körperlichen Ebene kann es zu Appetitlosigkeit und Muskelschwäche kommen. Vielleicht am gravierendsten wirken sich diese Medikamente auf die Vergesslichkeit aus. Auch Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen, Angst, depressive Verstimmungen, Muskelschmerzen, Zittern, Kopfschmerzen oder Schwitzen können auftreten. Gemäss dem Arzt und Suchtforscher Rüdiger Holzbach können die Konsumentinnen und Konsumenten solche Veränderungen nicht als Folgen der Medikamenteneinnahme erkennen. Den Rückgang der Medikamentenwirkung und allfällige Entzugserscheinungen halten sie für eine Verstärkung der Symptome, die ursprünglich zur Einnahme führte. Aber nicht nur die Konsumentinnen und Konsumenten bemerken die Ursache der Veränderung nicht, sondern auch Aussenstehende. Diese führen die Wandlung eher auf eine Wesensänderung zurück. Dass die Folgen eines Benzodiazepinproblems so häufig weder von Betroffenen noch Aussenstehenden erkannt werden, reduziert die Chancen, etwas dagegen zu unternehmen, massiv. Um diesen Informationsmangel zu beheben und Konsumentinnen und Konsumenten auf mögliche Folgen der Einnahme von Beruhigungsmitteln vom Typ der Benzodiazepine aufmerksam zu machen, führten Bund und Kantone in den letzten Jahren diverse Kampagnen durch. Scheinbar hatten diese Informationen einen gewissen Erfolg. In den letzten Jahren haben vermehrt Menschen mit einem Benzodiazepinproblem eine Behandlung aufgesucht. Diese Behandlungen werden von verschiedenen sozialen oder medizinischen Institutionen durchgeführt, unter anderem auch von ambulanten Suchtberatungsstellen. Regina Burri, Limmattaler Tagblatt, 04.09.2003
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